(Deutsch) Tansania: Ernährung – Sicherheit

(English) Golden leuchtet das trockene Maisstroh im letzten Sonnenlicht. Die Ernte ist eingebracht, die Felder sind abgeerntet. Für dieses Jahr wird sie ausreichen, um sein Vieh zu füttern und die Teller zu füllen hofft der 55-jährige Augustino Myefu.

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Kai Rüsberg

Kai Rüsberg

Verzagt zeigt der hagere Familienvater auf die Grenzsteine, die vor wenigen Tagen gesetzt wurden – mitten in sein Maisfeld. Die Vermesser waren vor einiger Zeit aus der tansanischen Provinzstadt Iringa gekommen und sagten ihm, hier werde bald ein Zaun gebaut. Den größten Teil seiner Felder wird er dann nicht mehr erreichen können. Von einem Hektar Acker bleibt ihm nur noch ein Drittel.

„Nachts werde ich von Ängsten geschüttelt. In der Zukunft werden wir kein Land mehr haben, um unser Vieh zu füttern. Wir werden kein Land mehr haben, um unsere Nahrung selbst anzubauen. In Zukunft, da werde ich verarmen.“

Rund um das Dorf Muwimbi hat die Regierung Investoren große Flächen überlassen, damit sie die Landwirtschaft modernisieren. In der Nähe wurden bereits kilometerlange Gräben ausgehoben, um das Flusswasser auf das Gelände zu leiten. Augustino wurde nicht gefragt, obwohl er seit Jahrzehn­ten auf dem Grundstück Ackerbau betreibt. Er hat es 1976 durch Pater Paul von der Ulete Mission übertragen bekommen, beteuert er. Auf diesem Grundstück hat er seine Farm aufgebaut und eine Familie gegründet. „Wenn ich im Bett liege, bete ich, dass wir das Land behalten können. Aber nur die Leute mit dem Geld be­kom­men das Farmland. Also bete ich zu Gott.“

Für Augustino wird die Situation immer hoffnungsloser. Zwei Söhne haben ihn bereits verlassen. Sie wollen ihr Glück in der Hauptstadt machen. „Anfangs habe ich versucht sie hier zu halten. Dann habe ich mich aber gefragt, was sollen sie hier tun, wenn wir kein Land mehr haben, von dem wir le­ben können?“ Den einzigen Acker, den Augustino erübrigen konnte, hat er bereits seinem ältesten Sohn bei dessen Heirat überlassen. Für seine anderen vier Söhne bleibt nichts mehr. „Dann habe ich meine Meinung geändert. Wir würden uns nur streiten. Daher habe ich ihnen erlaubt uns zu verlassen und in die Stadt zu gehen.“ Im letzten Jahr ließ er erst den 15-jährigen und dann auch den 14-jährigen ziehen.

Mit der Förderung von Großinvestitionen in die Landwirtschaft verfolgt die Regierung in Tansania das Ziel, die Ernährungssicherheit zu verbessern. Dafür hat sie einen sogenannten Landwirtschafts­korridor als Investitionsgebiet definiert, genannt: SAGCOT (Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania). Das auch als Wachstumskorridor bezeichnete Gebiet umfasst etwa ein Drittel von Tan­sania und ist damit größer als die Fläche der alten Bundesländer. Das Programm ist Teil der „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit“ der G7 Staaten, zu der auch die deutsche Bundesregierung beige­treten ist. 2012 in Camp David von den führenden Wirtschaftsnationen beschlossen, stellte es eine Zäsur in der deutschen Entwicklungspolitik dar. Seitdem werden Investitionen von privaten Konzer­nen mit Entwicklungshilfemitteln gefördert, mit dem Ziel, nachhaltige Entwicklungsfortschritte zu erreichen. Tansania hat sich mit SAGCOT dieser „neuen Allianz“ angeschlossen.

Das Hilfswerk Miserior hat mit einer Studie überprüft, ob mit diesem Ansatz der Förderung von Großinvestitionen und der Plantagenwirtschaft tatsächlich mehr Ernährungssicherheit erreicht wird. Maßstab war das Menschenrecht auf Nahrung. Denn die Ernährungssicherheit eines Landes oder einer Region ist nicht gleichzusetzen mit der Versorgungslage jedes einzelnen Bewohners. Zentrale Fragestellung der Miserior-Studie: Welche Auswirkungen haben großflächige Agrarinvestitionen auf Kleinbauern im südlichen Hochland Tansanias und auf ihr Recht auf Nahrung?

Der Dorfrat von Muwimbi diskutiert über die Investoren, die hier im Westen von Tansania das Farmland rund um das Dorf beanspruchen. Die Bewohner sind besorgt künftig abgeschnitten zu sein, von ihrem Land und den Nahrungsquellen, vom Fluss, der ihnen das Trinkwasser liefert.

Stacheldraht trennt schon heute das Dorf vom Wald und dem Ackerland. Der lange Zaun um das Farmland reicht bis zur Dorfstraße. Manche Gemeindemitglieder wohnen auf der anderen Seite des Stacheldrahts. Der direkte Weg durch den Wald ist ihnen versperrt und jeden Morgen müssen sie Kilometer lange Umwege entlang des Zauns laufen – es dauert bis zwei Stunden Fußmarsch bis ins Dorf. Viele Kinder kommen erst in der Schule an, wenn der Unterricht schon beendet ist.

Der Dorfvorstand fühlt sich aber machtlos. Früher durften die Dorfbewohner wenigstens in den Wald, um dort Pilze, Früchte oder Naturmedizin zu sammeln. Die Viehbesitzer klagen, sie könnten mit ihren Tieren kaum noch Weideplätze erreichen. Nachbarn wurden auseinander gerissen. Viele leiden psychisch unter dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Und im von Plantagen umzingelten Dorf wächst zudem die Bevölkerung, auch weil die Bewohner der umzäunten Gebiete zuziehen.

Für die 2400 Bewohner gibt es nicht mehr ausreichend Anbauflächen. Immer mehr wan­dern ab. „Und im Nachbardorf ist schon das Wasser knapp, weil es für die Bewässerungspipelines der Plan­tagen abgezapft wird“ sorgt sich Dorfvorsteher Rodeligo Mbwelwa. „Die Zukunft des Dorfes ist ge­fährdet.“ warnt er in der Dorfversammlung. „Wenn sich der Investor erdreistet uns den Fluss zu nehmen, dann wird es keinen Frieden mehr geben in dieser Gegend.“

Kai Rüsberg
Copyright Foto: Kai Rüberg

2018-01-14T17:05:09+00:00 By |Economy|
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