Flüchtlinge in Israel (Teil II): Dunkelhäutige Sudanesen in Israel

Faruk, der in Wirklichkeit anders heißt, stammt aus Darfur und ist Muslim. Sein Heimatstaat Sudan befindet sich bis heute im Kriegszustand mit Israel. Dennoch war Israel sein Fluchtziel. Das klingt zunächst paradox: Wieso sucht ein Muslim Zuflucht im jüdischen Staat – und nicht in einem muslimischen Land wie den reichen Golfemiraten oder Saudi-Arabien? Faruk holt für seine Erklärung etwas aus. Er berichtet von innermuslimischer Diskriminierung: Die arabischen Hellhäutigeren diskriminieren die dunkelhäutigen Sudanesen.„Die Araber glauben, dass die Farbigen sie umbringen wollen“, erzählt Faruk aus dem kollektiven Gedächtnis der Sudanafrikaner: Die Benachteiligung besteht mindestens, seit das Osmanische Reich versuchte, sich die südlichen Regionen des Sudan einzuverleiben. Die Briten beherrschten das Land von Kairo aus und schufen ab 1898 mit ihrer Kolonialherrschaft die Fundamente für die weitere Entwicklung. Bis 1948 wurden der muslimische Nordsudan und der christlich-animistische Südsudan in getrennten Verwaltungseinheiten regiert, was jedoch auf Druck der Muslime aufgegeben wurde. Damit dominierte der muslimische Norden und Arabisch wurde zur alleinigen Amtssprache. Mit der Unabhängigkeit 1953 übernahmen von Khartum aus die Sudanaraber die Kontrolle über die Sudanesen dunkler Hautfarbe. Mit dem Islam als Staatsreligion im Sudan und dem anscheinend niemals endenden Bürgerkrieg ist die Benachteiligung von Christen und Anhängern von Naturreligionen eine logische und bekannte Konsequenz. Der Sudan steht im Weltindex der Christenverfolgung der Organisation Open Doors auf Platz 11 von 50 Ländern und damit auf einem der vorderen Ränge. Der staatlich gelenkte Islamisierungsprozess mit Gesetzen auf Basis der Scharia sorgt für Konversionen zum Islam, was einen sozialen Aufstieg ermöglicht. So wurden aus den christlichen Nubas Muslime. Faruk berichtet, dass im Nordsudan alle Kinder, die in die Schule gehen wollten, gezwungen wurden, muslimische Namen anzunehmen, um zugelassen zu werden. Während nach Faruks Beschreibung die „Darfur-Muslime nicht religiös“ seien, gelten die sudanarabischen Machthaber um den Präsidenten Omar Hasan Ahmad al-Baschir als Fundamentalisten. Der Präsident, der sich 1989 als Generalleutnant an die Macht putschte, wird wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag per Haftbefehl gesucht.

Araber diskriminieren muslimische dunkelhäutige Sudanesen

Doch die Diskriminierung fokussiert sich auf die Hautfarbe der „muslimischen Brüder“. Faruk erzählt, dass es für muslimisch-afrikanische Darfur-Flüchtlinge unmöglich sei, ein Visum für ein arabisches Land zu bekommen, obwohl es in allen Golfstaaten an Arbeitskräften mangelt und sogar Christen aus Indien oder den Philippinen angeworben werden. „In Ägypten wurden bei einer Demonstration von Sudanafrikanern aus Darfur mehrere Flüchtlinge von der Polizei erschossen“, sagt der junge Mann. Damit begründet er, warum es für Darfur-Flüchtlinge nur drei Optionen gibt: „Lampedusa, Israel oder das südliche Afrika.“

Vor arabischer Diskriminierung sind die muslimischen Sudanafrikaner nicht einmal in Israel sicher. Ein Bekannter von Faruk wurde einmal im muslimischen Viertel der Jerusalemer Altstadt von Arabern verprügelt und verletzt. Das hat sich in der Community weit herumgesprochen: Allein traue sich in die Altstadt kein dunkelhäutiger Sudanese mehr hinein, sagt Faruk.

Warum Israel als Fluchtziel?

Er ist glücklich, im Judenstaat zu sein, denn „die Situation in Israel ist besser für uns Flüchtlinge als in jedem arabischen Land“. Auch wenn er nur ein befristetes Aufenthaltsvisum für jeweils drei Monate bekommt, sagt er, dass die Flüchtlinge „in Israel nur ein Problem mit der Regierung, nicht mit den Menschen“ haben, die oftmals nett seien. Faruks Erfahrungen sind sehr positiv, was wohl auch daran liegt, dass er in einer mittelgroßen Stadt lebt, was es einfacher macht, nicht zu sehr aufzufallen, Arbeit zu finden und soziale Kontakte zu knüpfen. Hier leben weniger Flüchtlinge als in Süd-Tel Aviv, wie er selbst sagt.

Ein Flüchtling lobt israelische Freiwillige

Die meisten Israelis kennen keinen Flüchtling persönlich und haben daher oft Angst vor ihnen oder Vorurteile. Darüber hinaus können sich viele weder vorstellen, unter welchen Umständen Menschen im Sudan oder Eritrea leben, noch, wie schrecklich die Flucht durch mehrere wüstenreiche Länder ist, in denen Terror und Gewalt statt Respekt und Gastfreundschaft auf die Flüchtlinge warten. Konkrete Hilfe leisten Organisationen wie die Hotline für Flüchtlinge und Migranten als Lobbyisten und Flüchtlingsberater. Gemeinsam mit anderen machen diese NGOs immer wieder auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam und organisierten beispielsweise einen Stillen Marsch für die Freiheit der Flüchtlinge.

Doch Faruk berichtet von Lichtblicken, denn es gibt eine ganze Reihe engagierter israelischer Freiwilliger. Der dunkelhäutige Sudanese, der mittlerweile ein verständliches Hebräisch spricht, ist voll des Lobes darüber:„Ich frage mich manchmal selbst, wie diese Freiwilligen uns so viel helfen können.“ Freiwillige geben den Flüchtlingen abends ehrenamtlich Unterricht in verschiedenen Fächern, insbesondere Hebräisch und Englisch, die Räume stellt ein Schulleiter bereit. Ein Engagierter rutschte in Faruks Stadt in die Rolle des Community-Organizers und koordiniert alle Freiwilligen – ohne Organisation oder finanzielle Unterstützung. Er sorgt dafür, dass Flüchtlinge ins Krankenhaus begleitet werden, damit sie medizinische Hilfe erhalten. Faruk verehrt diesen Mann:„Wie kann eine Einzelperson so viel machen? Er ist ein so anständiger Mensch.“

Abschiebung droht

Doch Faruk ist angespannt. Seit Ende 2013 verlängert das israelische Innenministerium den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge mit fadenscheinigen Gründen nicht mehr, woraufhin die Flüchtlinge bei Polizeikontrollen ohne gültige Papiere aufgegriffen und interniert werden können. Oder sie bekommen vom Innenministerium gleich die Aufforderung, sich innerhalb von 30 Tagen im Internierungszentrum im Negev einzufinden. Es ist nicht zu erwarten, dass sich daran unter dem neuen Innenminister vom rechten Likud-Block, Silvan Shalom, etwas ändert. Tragisch ist dies insbesondere für diejenigen wie Faruk, die relativ gut integriert sind und Arbeit gefunden haben, was angesichts der täglich drohenden Internierungen immer schwieriger wird.

Weitere Information: www.hotline.org.il
www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/sudan/

Text & Fotos: Tobias Raschke